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Streß: die Ursünde von Vincenzo Iannone

Der Geist-Körper-Aspekt
Die Fähigkeit, die ständigen Umweltbedrohungen durch die lebenden Strukturen in den Griff zu bekommen, unterliegt einem komplexen Schutzmechanismus, der über die sensorischen Kanäle rasch mitgeteilt und ausgelöst wird, wenn die der kritischen Sichtung vorangestellten Bereiche aufgrund von kodifizierten Erfahrungen Situationen "melden", die potentiell gefährlich sind.
Auf diese Weise wird jedes Ereignis durch ein Bewertungssystem komparativer Synthese verglichen, das auf der Grundlage von stereotypen Verhaltensweisen und subjektiver Erfahrung zwischen grundlegenden Haltungen "entscheidet", die stets genau dem biologischen Programm mitgeteilt werden, im kontinuierlichen Streben nach Schutz und Bewahrung der psychophysiologischen Unversehrtheit.
1) Verteidigung durch Angriff
2) Flucht
3) einem "modus vivendi", der die stillschweigende Koexistenz mit dem Handelnden oder der neuen als nicht aggressiv und somit gefährlich empfundenen Situation festlegt. Diese vom modernen Menschen immer häufiger eingenommene Haltung steht am Anfang der reaktiven Depression.
Dieser "geistige" Prozeß, der oft unterhalb der normalen Bewußtseinsschwelle liegt, mobilisiert die organischen Verteidigungsmechanismen durch physiologische Antriebe, die das normale homöostatische Gleichgewicht verändern. Der Körper gehorcht daher auf eine irrationale Weise den fortgesetzten Antrieben, die vom Geist nur in bezug auf eine subjektiv-hierarchische Klassifizierung und Beurteilung der verschiedensten Reize verlangt werden.
Durch diesen Mechanismus tendiert das Leben dazu, sich und das Fortbestehen der Art zu sichern. Geist und Körper sind zwei verschiedene Aspekte derselben Wirklichkeit. Dieser unumgängliche Dualismus beeinflußt sich gegenseitig: Der Körper kann die geistigen Prozesse ebenso beeinflussen wie die geistigen Prozesse die organische Physiologie. Erst in den letzten Jahrzehnten hat die Forschung diese neue Realität, von der bereits die Urväter der Medizin sprechen, zur Kenntnis genommen und in die Praxis umgesetzt. Und die moderne Therapeutik tendiert immer mehr zu einer Synthese des psychophysischen Gleichgewichts, und zwar durch die sogenannte psychosomatische Medizin.
Zu den psychosomatischen Pathologien gehören unzählige Krankheiten, wie z.B. Zwölffingerdarmgeschwüre, Kolitis, Gallen- und Blasendyskinese, Kreislauferkrankungen, Allergien, Stoffwechsel- und Drüsenerkrankungen sowie sexuelle Störungen. Der essentielle Bluthochdruck, der die Hauptursache des Myokardinfarktes und der Apoplexie ist, wird heute aufgrund der hohen damit verbundenen Sterblichkeitsrate als eine wahre Volkskrankheit betrachtet.
Man schätzt, daß allein in den Vereinigten Staaten dreißig Millionen Menschen an Kreislaufstörungen leiden. Pro Jahr haben mehr als eine Million Personen einen Herzanfall. Viele dieser Personen befinden sich auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Karriere. Fünfundzwanzig Millionen Menschen sind vom Bluthochdruck betroffen. Darüber hinaus leiden acht Millionen Personen an Magengeschwüren und außerdem gibt es zwölf Millionen Alkoholiker.
Neuesten Untersuchungen zufolge werden rheumatische Pathologien und das Autoimmunsystem mit mentalen Reizen in Verbindung gebracht, die in freilich nur vergröberter Weise kontinuierlich die Homöostase verändern.
Jüngste Forschungen weisen auf psychosomatische Zusammenhänge bei Krebs hin und begründen dies durch hauptsächlich zwei verschiedene Mechanismen: zum einen die Viral-Hypothese, das heißt eine Schwächung des Immunsystems, das bei Streßsituationen stark beansprucht wird, und zum anderen die sogenannte Spannungshypothese, die besagt, daß sich sogenannte "muskuläre Panzer" bilden, die über den Mechanismus des Auftretens von zellulärem Sauerstoffmangel einen Prozeß des Widerstands der Zellen gegenüber dem genetischen Programm begünstigen.
Die moderne Forschung hat außerdem bestätigt, daß die Schwächung des Immunsystems wiederum die enorm schnelle Ausbreitung des AIDS-Syndroms ermöglicht hat. Wenn man davon ausgeht, daß dieses Syndrom auch durch "gesunde" Individuen übertragen wird, kann daraus gefolgert werden, daß diese Personen ein Verteidigungssystem besitzen, das in der Lage ist, eine vielleicht lediglich zeitweise Koexistenz mit den pathogenen Kräften zu schaffen.
Demzufolge muß eine Krankheit, wenn sie nicht durch äußere, traumatische und zufällige Faktoren erzeugt wird, wie zum Beispiel die Umweltverschmutzung, übermäßige Kälte oder Wärme, auf psychogene Ursachen zurückgeführt werden, die durch eine Anregung der normalen biologischen Funktionen das biochemische Gleichgewicht verändern.
Die intuitive Auffassung der Beziehung Geist - Körper, die die Väter der Medizin wie Hippokrates vertraten, wird heute durch Laborforschungen bewiesen und gestützt, wobei besondere Geräte die physiologischen Veränderungen im Individuum in bezug auf "kodifizierte Reize" feststellen und quantifizieren.
Es verhält sich wie bei einem Stein, der in einen See geworfen wird, dessen Wasseroberfläche völlig ruhig und glatt daliegt. Die normale Ruhe und das normale Gleichgewicht verändern sich durch das sich kräuselnde Wasser.

Streß-Genese
Der Begriff "Streß" gibt normalerweise den Schwellenpunkt oder die "Bruchstelle" an, an der oder dem das normale homöostatische Gleichgewicht durch eine "gewaltsame" Aktion verändert wird. Die Homöostase stellt den Zustand des inneren Gleichgewichts dar, der aufgrund der Selbstregulierungsmechanismen dazu tendiert, das innere Stimmungsgleichgewicht in bezug auf die verschiedenen Umweltreize, denen es ausgesetzt ist, in einem Stabilitätszustand zu halten.
Wenn ein Ereignis die normale Toleranzschwelle überschreitet, werden die organischen Ressourcen mobilisiert, um sich auf Verteidigung oder Flucht vorzubereiten.
Abgesehen davon, daß der "Stressor", wie die Situation technisch definiert wird, die die Homöostase verändert, die Merkmale universeller Gefahr besitzt (siehe Diagramm) und eine Bedrohung der psychophysischen Unversehrtheit des Individuums darstellt, wird aufgrund eines der seinen genetischen Merkmalen entsprechenden biologischen Struktur und auf der Basis eines durch die subjektive Erfahrung selbst erlebter Situationen mitgeteilten spezifischen Codes bewertet.
In der Tat beweisen Laboruntersuchungen, daß die Antworten auf den Reiz, der sie erzeugt hat, extrem subjektiv sind.
Der Streß stellt somit die individuelle Antwort auf bestimmte Situationen dar, die das homöostatische Gleichgewicht verändern.

Streß und Krankheit
Die von der biologischen Struktur als gefährlich und somit als mögliche Bedrohung der psychophysischen Integrität kodifizierten Umweltsituationen bereiten den Organismus durch homöostatische Veränderung auf Verteidigung oder Flucht vor. Die lebenswichtigen Organe werden durch bestimmte Prozesse des Stoffwechsels dazu angeregt, ein anderes Energieniveau zu erzeugen, um Gefahrensituationen zu meistern. Da dies häufig in einer abnormen Art und Weise geschieht, kann man feststellen, daß die Organe ihre Funktion und ihren chemischen Haushalt verändern und so einen pathologischen Prozeß auslösen.
Zunächst hat man geglaubt, daß es zwischen dem Reiz und der entsprechenden organischen Veränderung einen präzisen Zusammenhang von Ursache und Wirkung gäbe.
Laboruntersuchungen haben jedoch bewiesen, daß es stattdessen eine individuelle organische Tendenz oder Prädisposition gibt, die das "Zielorgan" festlegt.
Diese Hypothese findet aufgrund der täglichen Laborkontrollen immer breitere Zustimmung. Bestimmte Schlüsselreize lösen die unterschiedlichsten Reaktionen aus, sowohl was die Intensität der physiologischen Reize als die "Wahl" des Organs betrifft.
Es gibt also eine bestimme Veranlagung oder organische Prädisposition zu einer bestimmten Pathologie oder der Neurose eines Organs.
Die Beanspruchung durch Streß steht auch am Anfang einer Mentalpathologie, und zwar aufgrund der Anregung des neurohormonellen Systems, welches das normale körperliche Befinden verändert und dem Pseudodepressions-Syndrom vorausgeht.
Aber warum kommt es zu all dem? Weil die Reaktionen auf die Reize nicht präzise, nicht gezielt sind, weil sie fast immer unangemessen, abnorm und sozusagen zu grob sind, so daß das Organ in die Krankheit praktisch "hineingezwungen" wird?
Die Antwort ist in den biologischen Befehlen zu suchen, die auf die Erhaltung der biologischen Struktur und des Fortbestands der Art ausgerichtet sind.
Der Mensch ist das Produkt einer langsamen und weitreichenden Evolution und weit davon entfernt, biologisch perfekt zu sein.
Die Krankheit ist ein unerläßlicher Zustand der Lebensdynamik und stellt die gewiß nicht angemessene biologische Antwort auf die verschiedensten Einwirkungen dar, die ständig dazu tendieren, das psychophysische Gleichgewicht zu verändern.
Im Alltag ist man zunehmend streßauslösenden Beanspruchungen ausgesetzt. Die soziale Verunsicherung, der zunehmende Verfall menschlicher Werte, die dauerhafte Instabilität unserer Zeit haben das Syndrom hervorgebracht, das wir am einfachsten mit den Worten "No future", keine Zukunft, bezeichnen können und in einen Alarmzustand umgesetzt wird, der die Voraussetzung für aspezifische oder unbegründete Angst und der Grund für eine unzählige Masse von psychomentalen Symptonen ist, die von der Angstneurose über das depressive Angstsyndrom, obsessive und neurotische Phobien bis hin zu psychophysischem Streß reichen. Die ungünstigen sozialen Bedingungen erzeugen agressive und neurotische Verhaltensweisen.
Die Umweltverschmutzung, die zunehmende Behandlung von Lebensmitteln mit chemischen Substanzen und die große Bevölkerungsdichte zum Beispiel sind weitere Faktoren, die aspezifische physiologische Beanspruchungen begünstigen und somit auch die geistige und körperliche Erkrankung.
Die Erhaltung des Menschen und auch seine Bestimmung ist seiner kognitiven Fähigkeit überlassen, das Verhältnis Reiz-Reaktion durch Lernprozesse bezüglich des Umgangs mit dem Reiz unter Einsatz spezieller Geräte selbst ins Lot zu bringen.
Durch Training erlernt das Individuum unter Anleitung erfahrener Therapeuten neue emotionale Reaktionsmechanismen auf die unterschiedlichsten Umwelt- und auf eigene Konfliktsituationen.
Die Hoffnung des Menschen, daß eines Tages ein Wundermittel Ordnung in seine inneren Konflikte bringen wird, ist naive und illusorische Einfalt.

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